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Freude schenken mit einem 3 Hasen Gutschein

 

„Solidarität ist mehr wert als Liquidität“

RAIFFEISENZEITUNG NR. 14 • 2. Apri l 2020 | 11
REGIONAL

VON ELISABETH HELL
SELBSTHILFE
„Solidarität ist
mehr wert
als Liquidität“

Das Geschäftsleben steht weitgehend
still. Findige Wirtschaftstreibende
im Mariazeller Land trotzen dem
Umsatzausfall mit einem Gutschein-
Modell, das auch von der örtlichen
Raiffeisenbank unterstützt wird.
Normalerweise beginnen mit Ostern die
Geschäfte im Wallfahrtsort Mariazell
zu florieren. Die ersten Pilger und Tagesgäste
kommen zu den Feierlichkeiten in die
Basilika und Einheimische kaufen ihre Ostergeschenke
gerne vor Ort. Die derzeitigen Ausgangsbeschränkungen
und Betriebssperren haben
das Leben der Unternehmer und Kunden
allerdings auf den Kopf gestellt. Einkehr und
Stille haben selbst im wichtigsten Pilgerort Österreichs
noch einmal eine ganz neue Bedeutung
bekommen.
Aber Not macht bekanntlich erfinderisch
und so haben der Hotelier Peter Kroneis mit
seiner Familie und gemeinsam mit Werner Girrer
von der Internetplattform mariazell.at nach
dem ersten Corona-Schock die Idee eines gemeinsamen
Onlineshops für Gutscheine der
Mariazeller Betriebe gesponnen. Mit dem Ziel,
der regionalen Wirtschaft durch die herausfordernde
Zeit zu helfen und Arbeitsplätze zu
sichern, steht die Plattform den Betrieben kostenlos
zur Verfügung.
Ob Margit’s Schuhe, die Haarschneiderei,
die Änderungsschneiderin, der Masseur, die
Uhrengeschäfte, das Brauhaus Mariazell oder
der Lurgbauer – vom Handel über Dienstleister
bis zu Gastronomie und Beherbergungsbetrieben
– sie alle versammeln sich auf der Online-
Gutschein-Plattform. „Jeder muss natürlich auf
sein eigenes Geschäft schauen, aber manches
geht halt nur gemeinsam. Es ist ein Paradeschulterschluss,
der in aller Kürze umgesetzt
werden konnte“, freut sich Kroneis über den
großen Zuspruch.
Übers Wochenende wurde der Online-Shop
aufgesetzt, auf Anhieb haben sich 19 Betriebe
gemeldet. Nun bieten bereits mehr als 60 Unternehmen
ihre Gutscheine von 10 bis 100 Euro
an. „Das Schöne ist, dass auch die Gemeinde
auf die Eigeninitiative der Wirtschaft aufgesprungen
ist. Genau so soll es sein“, sagt Kroneis.
Der Wert sämtlicher Gutscheine wird von
der Stadtgemeinde Mariazell um 20 Prozent
erhöht, um so noch mehr Kunden zum Gutscheinkauf
bei den heimischen Betrieben zu
motivieren. Der gekaufte Gutschein über 100
Euro ist also 120 Euro wert. Diese Wirtschaftsförderung
läuft vorerst bis 8. April und wurde
bereits von 10.000 auf 20.000 Euro aufgestockt.
Da sich das Mariazeller Land von der Steiermark
bis nach Niederösterreich erstreckt, hat
sich auch die Gemeinde Mitterbach dieser Aktion
angeschlossen und übernimmt den Zuschuss
für alle Shopteilnehmer aus Mitterbach.
Gemeinsames Umdenken
Nicht erst seit dem Gemeinde-Bonus besteht
eine starke Nachfrage nach den Gutscheinen.
Nach einer Woche wurden im Shop bereits über
67.000 Euro umgesetzt. „Die großen Profiteure
unserer Aktion sind die Ein-Personen-Betriebe“,
analysiert Werner Girrer das digitale Kaufverhalten.
Girrer und sein Mitarbeiter arbeiten 15
Stunden am Tag, um die Bestellungen abzuarbeiten
– kostenlos versteht sich: „Das ist mein
Beitrag zur Krisenbewältigung.“
Dass die Aktion auf derart positive Rückmeldungen
stößt, hat die Initiatoren selbst
überrascht oder wie Peter Kroneis es formuliert:
„Die Solidarität ist viel mehr wert als die wirkliche
Liquidität, die daraus entsteht. Die Bewusstseinsstärkung
war mir wichtig, selbst
wenn jetzt nicht der große Run für den einzelnen
Betrieb dabei sein sollte.“ Bei vielen Konsumenten
sei das Umdenken bereits gelungen,
dass regionale Arbeitsplätze und Wertschöpfung
nicht über Bestellungen bei den großen
Internethändlern gesichert oder geschaffen werden.
Verantwortung übernehmen
Rechtlich begleitet wird die Aktion von der
Wirtschaftskammer Steiermark, die auch den
Kontakt zu den Unternehmern in der Region
hergestellt hat. Die Raiffeisenbank Mariazellerland
hat sich ebenfalls sofort bereit erklärt, rasch
und unbürokratisch nicht nur die finanzielle Abwicklung
der Bestellungen zu übernehmen, sondern
auch sämtliche Transaktionsgebühren des
Zahlungsdienstleisters Klarna, der die sichere
Zahlung im Online-Shop abwickelt. Für Kroneis
ist die Unterstützung der Raiffeisenbank eine
„Riesensache“, denn „dem Betrieb bleiben vom
100-Euro-Gutschein dadurch wirklich 100 Euro
– durch die Gemeinde jetzt sogar 120 Euro“.
Die Raiffeisenbank Mariazellerland hat dazu
ein Treuhandkonto eingerichtet und bekommt
bei jedem Einkauf per Mail automatisch sämtliche
Bestelldaten, um den Gesamtbetrag den Betrieben
korrekt zuordnen zu können. Die von
der Bestellung betroffenen Unternehmen versenden
den entsprechenden Gutschein an den Kunden.
In regelmäßigen Abständen – voraussichtlich
ein Mal pro Woche – überweist die Raiffeisenbank
die Erlöse an die Betriebe. „Wir tragen
Verantwortung für unsere Firmenkunden und
unterstützen damit die heimische Wirtschaft.
Wenn es den Firmenkunden gut geht, dann geht
es auch uns gut – also profitieren auch wir indirekt
von dieser Initiative“, erklärt Florian Glitzner,
Geschäftsleiter der Raiffeisenbank Mariazellerland,
die über 50 Prozent Marktanteil bei Geschäftskunden
hält.
„Es ist ein perfektes Zusammenspiel von Wirtschaft,
Bank und Politik“, betont Kroneis und
sieht das Mariazeller Modell als rasch übertragbares
Vorbild auch für andere Regionen Österreichs.
Im steirischen Wallfahrtsort hat die Pandemie
jedenfalls für einen Solidaritätsschub gesorgt,
der noch weit über die Beschränkungen
hinausreichen soll. Der Hotelier blickt bereits
optimistisch auf den Sommer und rechnet damit,
dass heuer der Urlaub daheim und das Pilgern
hoch im Kurs stehen werden: „Mariazell ist schon
immer ein gewisser Kraftort gewesen.“